- - HöRT, HöRT – SEHT, SEHT! EINE AUSSTELLUNG FüR AUGE UND OHR

Die marke.6 präsentierte in dieser Ausstellung erstmalig raumbezogene und objekthafte Audio-Installationen, interaktive Arbeiten und Performance-Dokumentationen von Studierenden, Lehrenden und Alumni der Bauhaus-Universität Weimar sowie der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar. Die Formensprache und Funktionsweise der künstlerischen Arbeiten thematisierten dabei das technologisch geprägte Verständnis künstlich erzeugter Erfahrungen. Zur Eröffnung wurde dieser Ansatz besonders erlebbar. Alle Gäste wurden gebeten, zur Vernissage ihr eigenes Notebook mitzubringen. Die Notebooks konnten dann vor Ort, ausgelöst durch ein Klangsignal, miteinander in Interaktion treten.

Die künstlerische Verwendung von Klang abseits der musikalischen Bühne hat einen interdisziplinären Ursprung. Was später als Klangkunst oder Audio Art definiert wurde, entstand durch Grenzüberschreitungen von verschiedenen Richtungen her, wie wenn an einem Dreiländereck alle Anlieger ihre Landesgrenze überschreiten: Die Italienerin in Deutschland Pizza bäckt, sie aber mit „Wurstel“ garniert; Der Deutsche in Frankreich Bier braut, es aber ein bisschen süffiger macht und in kleinen Bistrogläsern anbietet etc. Es handelt sich also um einen alltäglichen Vorgang des Austauschs zwischen verschiedenen kulturellen Systemen, der jedoch in den Künsten Mitteleuropas – zumindest in letzter Konsequenz – lange nicht gangbar war. Einflussreich war hier Gotthold Ephraim Lessing, der in seiner ästhetischen Theorie im Laokoon oder Über die Grenzen der Malerei und Poesie (1766) aufgrund der deutlich unterschiedenen Prinzipien zeitlicher und räumlicher Darstellung die strikte Trennung von Musik als Zeitkunst und bildender Kunst als Raumkunst gefordert hatte.

Noch das 19. Jahrhundert blieb von dieser Vorstellung dominiert. Vereinzelte einflussreiche Versuche der Entwicklung eines „Gesamtkunstwerks“, etwa bei Richard Wagner und Aleksandr Skrjabin, enthielten aber Ansätze, die im 20. Jahrhundert ganze Kunstrichtungen wie den Dadaismus und Fluxus von Grund auf prägten. Bildnerische, darstellerische, choreographische, literarische, musikalische und weitere Elemente vermischen sich hier intensiv, und durchdringen sich gegenseitig, etwa wenn im Fluxus performative Vorgänge in einer Partitur notiert werden und dadurch eine musikalische Logik oder Anmutung aufgeprägt bekommen.

Dass seit den 1970er Jahren über eine Intermedia- oder Mixed-Media-Kunst hinaus das spezifische Konzept einer Klangkunst avancierte, erforderte, dass der akustischen Ebene eine wahrnehmungs- bzw. strukturleitende Bedeutung zuerkannt wurde. Klangkunst beruht auf einem Primat des Akustischen als gestalterisches Material und der auditiven Wahrnehmung als Sinn mit besonderen Qualitäten: Schall ist nur in der Zeit erfahrbar und dringt auch um Ecken herum, Klang richtet sich an einen kommunalen Sinn und nicht an einen individuellen wie das Bild, seine Wahrnehmung ist dem einlassenden Spüren näher als dem distanzierenden Blick. Das Verhältnis von Raum und Zeit sowie gesellschaftliche Fragen waren daher dominante Themen der Klangkunst. Gegenüber der Musik grenzt sie sich durch das Aufbrechen der Linearität des musikalischen Vortrags und der zeitlichen Begrenzung ab. Durch das grundsätzliche Zusammenspiel mehrerer Sinne basiert Klangkunst auch stärker auf allgemeinen Wahrnehmungsaspekten als auf der Weiterentwicklung kunstspezifischer Prinzipien und thematisiert diese Interdependenz der Sinne. Da die Medien unseres Zeitalters aber gerade nicht vom Hörsinn, sondern in vielen Situationen deutlich stärker vom Sehsinn dominiert sind, wurde die „Sensibilisierung“ für das Auditive ein wesentliches Thema von Klangkunst. Bis durch die 1990er Jahre hindurch machte dieser Topos Klangkunst grundlegend mit aus.

Im Zuge der weiten Verbreitung des Konzepts Ende der 1990er Jahre sind Praktiken der räumlichen, bildnerischen oder medienbasierten Verwendung von Klang heute in viele Bereiche diffundiert. Die Ubiquität von Computern und Software, die in der digitalen Domäne zwischen Bild, Text, Ton und Algorithmus keinen Unterschied machen, ließen die Mittel und Möglichkeiten der Gestaltung von Klang zu einem Allgemeingut werden.

Oder anders ausgedrückt: Die Trennung in Materialien verschiedener Künste wurde nach ihrer konzeptionellen Aufhebung auch geräteseitig aufgehoben. Seitdem tönt es in den verschiedensten Künsten, was aber gerade nicht als „Verklangkunstung“ aller möglichen Kunstbereiche zu verstehen ist. Zwar liefert die bald 50-jährige Tradition von Konzepten und Gestaltungspraktiken der Klangkunst häufig Anregungen, aber meist bleibt es bei Anleihen und Bezugnahmen, ohne dass von Klangkunst im engen Sinn die Rede sein müsste. Die Beiträge der Weimarer Ausstellung gaben einen Querschnitt dieser Entwicklung. Und vielleicht sind sie sogar ein statistisch repräsentatives Sample für die Arten und Grade der Integration musikalischer, klanglicher und klangkünstlerischer Elemente in einen weiten Bereich künstlerischer Konzepte, Themen und Techniken.

Bei Jörg Brinkmanns Untitled interagierten die Besucher mittels selbst mitgebrachten Notebooks untereinander. Die vom Künstler aufgespielte Software speiste Geräusche aus dem Raum in Rückkopplungsschleifen zwischen den Rechnern ein. Die Aufmerksamkeit wurde dabei zunächst einmal dem Raum zugewandt, denn in den unvermeidbaren akustischen Interferenzen wurde der Raum selbst hörbar und prägte den Charakter der Interaktion. Zugleich mussten sich die Besucher auf die Algorithmen einlassen, die der Kommunikation zwischen den Menschen auf der einen Seite sowie zwischen Mensch und Maschine auf der anderen Seite zugrunde lagen. Die Besucher lernten, das System zu ihrem Gewinn einzusetzen. Die Algorithmen der Software waren statisch und vermutlich erheblich weniger komplex als die der „wetware“, aber ähnlich wie ein Echo gaben sie sowohl ästhetische als auch soziale Spielmöglichkeiten vor. Wer sich auf die vom Künstler vorgegebene Systemstruktur einließ, konnte den Raum als Instrument einsetzen und die gebaute Architektur auf akustischem Weg erkunden. Oder aber er konnte die soziale Funktion des Raums, das „Socializing“ des Galeriebesuchs in einer inszenierten Fassung erfahren.

Die in Weimar gezeigten Arbeiten besaßen allesamt wesentliche akustische Anteile und stellten verschiedentlich Bezüge zu klangkünstlerischen Techniken und zur Tradition der akustischen Künste des 20. Jahrhunderts her. In ihrem überwiegenden Fokus auf medialen Differenzen waren sie deutlich mehr Medienkunst als Klangkunst, die Klang zum Mittel, nicht zum Inhalt hat – sofern Kategorien wie Klang- und Medienkunst über die historische Dimension hinaus heute überhaupt noch hilfreich sind. Denn die Weimarer Arbeiten spiegelten gerade auch den Umstand, dass das, was in Form von gezielten Grenzüberschreitungen begann, sich heute bis zur gänzlichen Auflösung jeglicher Grenzempfindung gesteigert hat.

Hört, Hört - Seht, Seht! war eine Ausstellung für Auge und Ohr, die in Beratung mit Dr. Golo Föllmer, Juniorprofessor für Interkulturelle Medienwissenschaft an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, entstanden ist.

KünstlerInnen

Jörg Brinkmann, Anja Erdmann, Elena Galitsch, Rico Graupner, Sophia & Franziska Hoffmann, Johanna Hoppe, Shingo Inao, Marc Jung, Michael Markert, Max Neupert, Daniël Ploeger, Christian Schröder, Nicole Weber, Moritz Wehrmann, Daniel Wessolek, Florence von der Weth 

Wann 21.08.2009 bis 04.10.2009
Wo Neues Museum, Weimarplatz 5, Weimar
Kuration Dr. Golo Föllmer
Projektleitung Dörte Ilsabé Dennemann, Max Neupert