- - YOUR TRUE COLOUR

Für die unterschiedlichsten Situationen wird von uns verlangt, uns auf ein Stück Papier zu bannen, um wiedererkannt zu werden – sei es für Ausweise, Bewerbungen oder einfach als Andenken an gemeinsam verbrachte Zeiten. Ein Porträtfoto soll nicht nur das Aussehen, es soll auch den Charakter eines Menschen einfangen. So begeben wir uns in klinisch weiße Fotostudios oder anonyme Automaten und liefern uns der Kamera aus. Doch der Blick auf die auf diese Weise entstandenen Fotos stellt vor allem die Abgebildeten nur selten zufrieden. Es fällt schwer, sich mit der Person zu identifizieren, die uns vom Papier mit eingefrorenem Lächeln entgegenblickt, denn es ist stets nur eine Momentaufnahme eines komplexen Subjekts. Das Aufnehmen wie das Betrachten einer Fotografie bedeutet daher immer auch individuelle Interpretation und Stellungnahme zum Abgebildeten. Vor und hinter der Kamera heißt es: Farbe bekennen!

Your true color beschäftigte sich mit eben dieser Positionierung der Person im Medium der Fotografie. In enger Zusammenarbeit mit dem Loom Magazine der Fakultät Medien, das jener Thematik 2009 eine komplette Ausgabe widmete, realisierte die marke.6 eine Ausstellung. In dieser galt es, Charakter und Charaktere in wenigen Augenblicken einzufangen. Im Vordergrund der künstlerischen Arbeiten stand dabei die zeitgenössische Porträtfotografie. Abgelichtet wurden Verwandte, Bekannte, Freunde aber auch Fremde. Oder man selbst. So hat etwa Annett Jahn für ihr Projekt Das Antlitz meiner Zeit Passbilder aus zehn Jahren ihres Lebens gesammelt. Es sind schwarz-weiße Zeitzeugen aus der DDR – das letzte Bild der Reihe zierte einst einen Ausweis, gültig bis 1999. Doch der Staat, in dem sie damals lebte, verschwand, bevor dieses Datum erreicht werden konnte. Fortan waren all ihre Passbilder in Farbe. Und nicht nur Staaten, auch Städte, so sagt man, haben ein Gesicht. So hatte es sich Tristan Vostry für seine Arbeit Nuit zur Aufgabe genommen, das Aussehen und den Charakter der Stadt Marseille einzufangen.

Nina Röder zeichnete im Rahmen ihrer Masterarbeit ein Porträt ihrer Großmutter Theresia, indem sie sich in sie und einige ihrer düstersten Erinnerungen hineinversetzte. Das Ergebnis war eine narrative Bilderserie, in der die Erinnerungen und Erfahrungen von Enkelin und Großmutter für einen Augenblick miteinander verschmelzen und sie als ein und dieselbe Person erscheinen lassen.

Dass derselbe Mensch hingegen auch viele einzelne Gesichter besitzt, zeigte Henriette Kriese in ihrer Arbeit Das doppelte Lottchen. Sie fotografierte jede Person zweimal hintereinander. Die auf diese Weise entstandenen Porträts scheinen nahezu identisch, doch schnell fallen die kleineren und größeren Unterschiede auf. Kein Gesicht bleibt völlig gleich, vielmehr wirken die Personen auf dem zweiten Bild wie ihr eigener Zwilling.

Die Besucher der Ausstellung waren in der interaktiven Installation Schweigen ist Gold eingeladen, die Möglichkeiten der Porträtfotografie auszuloten. Einzeln wurden sie in einen vollkommen dunklen, stillen Raum geführt. Die Besucher wussten daher nicht, wie die Umgebung aussehen könnte, und was sich als nächstes ereignen würde. Versteckt wartete in einer Ecke des Raumes ein Fotograf auf sie, der jedoch nicht in direkten Kontakt zu seinem Motiv trat. Er wusste daher nie, welcher Mensch vor seine Linse geraten war und wie dieser sich gerade in der Dunkelheit bewegte. Zu einem nicht weiter definierten Zeitpunkt drückte der Fotograf auf den Auslöser. Die Porträtierten hatten somit keine Chance, sich auf die Aufnahme vorzubereiten – es entstanden Bilder, die dem wahren Aussehen einer Person wohl deutlich näher kamen als jenes gekünstelte Lächeln im Fotostudio. Entwickelt wurde Schweigen ist Gold im Rahmen eines Workshops an der Tamk University of Applied Sciences, an dem neben finnischen Studierenden auch das Team des Loom Magazine teilgenommen hatte. Die Installation wurde bereits im Mai 2009 beim Tampere Arts Festival (TAF) gemeinsam präsentiert. Ihre Polaroidporträts durften die Besucher nicht nur in Finnland, sondern auch in Weimar mit nach Hause nehmen.

Im Zentrum der Ausstellung Your true color stand also die Frage, bis zu welchem Grad eine Fotografie die Charakteristika des Abgelichteten individuell einfangen kann, und inwieweit sie diese sogar selbst produziert. Dabei spielten die räumlichen und zeitlichen Dimensionen des Fotografierens eine zentrale Rolle. Experimentiert wurde mit dem vielschichtigen Verhältnis von Nähe und Distanz zwischen Fotograf, Umgebung und abgebildetem Subjekt. Auf Passbildern, Polaroids, klein- und großformatigen Abzügen zeigten 18 Künstler ihre Porträts von anderen – und damit auch immer ein Stück von sich selbst.

Beteiligte KünstlerInnen:

Johannes C. Elze, Nina Gerlach, Stewart Gerad, Alexander Lembke, Jakob Hof, Henriette Kriese, Johannes Heinke, Marcel Köhler, Claudia Neuhaus, Tristan Vostry, Annett Jahn, Nina Röder, Christian Werner, Arne Felgendreher, Berit Schönfelder, Maria Wallenstein, Nora Ströbel, Gabriele Fantoni 

Wann 08.07.2010 bis 12.09.2012
Wo Neues Museum, Weimarplatz 5, Weimar
Kuration Alexander Lembke
Produktionsleitung Dörte Ilsabé Dennemann